Evangelisch-orthodoxe Ökumene
Ostern 2022 in Sankt Michaelis Lüneburg„Wohin gehen wir zu Ostern?“ hatte Tanja aus Nikopol gefragt. Niemand von uns hatte daran gedacht. In Lüneburg gibt es keine orthodoxe Kirche! Die Geflüchteten hatten keinen Ort für das größte Fest des Jahres!
Unsere Köpfe waren zu beschäftigt mit Kriegsnachrichten. Gerade waren die russischen Gräueltaten in Butscha und Irpin bekannt geworden. Wir verhedderten uns in bürokratischen Vorgängen, die amtliche Anmeldung der Geflüchteten sollte endlich stattfinden. Uns blieb nicht viel Zeit: Nach unserem gregorianischen liturgischen Kalender war es kurz vor Palmsonntag, Ostern im julianischen Kalender würde am 24. April sein, also eine Woche nach uns. Ein Anruf bei Silke Ideker, einer Pastorin der evangelischen St. Michaelis-Gemeinde, die wir flüchtig kannten, und los ging es.
Ich brachte eine gewisse Landeskenntnis und meine katholische Sozialisation ein. Unsere erste Idee war eine Lichterprozession. Die traditionellen langen Bienenwachskerzen sind leicht zu beschaffen. Zufällig gibt es in der Kantorei eine ukrainische Sängerin. Sie bot an, mit dem Chor Lieder der Ostkirche einzuüben. Per Whatsapp fanden wir Frauen aus Kiyv, die sich zutrauten, eine Fürbitte zu sprechen. Das „Kyrie Eleison“, „Herr erbarme dich“ verbindet beide Konfessionen.
Eine spontane Ökumene. Etwa zweihundert ukrainische Frauen und Kinder kamen. Vorn am Altar, neben der Pastorin, eine schon länger in Lüneburg lebende Ukrainerin, die dolmetschte. „Für die Menschen in der Ukraine ist das Leben ein sehr langer Karfreitag.“ Silke Ideker sprach von Leid und Auferstehung, hier und jetzt. Im Mittelpunkt stand Maria, die um ihren toten Sohn trauert. Am Ende rief sie zur Solidarität mit der Ukraine auf. Bei der Lichterprozession sahen wir die Gesichter der Erwachsenen und Kinder. Sie traten einzeln nach vorn, nahmen eine Kerze, entzündeten sie an der Osterkerze, gingen dann die Stufen hoch zum sandgefüllten Bassin. Viele weinten, Geflüchtete und auch wir Hiesigen.
Danach, beim Kaffeetrinken im Pfarrgarten, ergaben sich kleine Gespräche. Откуда вы? Where do you come from? – Charkiv. Odesa. Donezk. Kiyv. Einige ukrainische Frauen hatten Paska mitgebracht, schmale hohe Osterkuchen, die orthodoxen Kirchenkuppeln nachgebildet sind.
Immer wieder fiel mein Blick auf den mächtigen Michaeliskirchturm. Was für ein Glück, diese alte Kirche zu haben! Und was für ein Glück, diesen Raum mit Menschen zu teilen, deren Kirchen gerade zerstört werden!