Immanuel Kant in Lüneburg
Eröffnung des Kant-Museums am 11. März 2026Ein Neubau, eingezwängt in eine schmale Baulücke. Lange war er hinter einem Gerüst verborgen. Ich hatte darauf gewartet, mitgehofft, dass er fertig wird, das viel zu knappe, in besseren Zeiten bewilligte Geld, reicht. Heraus kam, oh Wunder: ein moderner kleiner Tempel!
Er könnte in Paris stehen oder in Berlin! Immanuel Kant, einer der wichtigsten Denker der europäischen Aufklärung, hätte Anspruch darauf. Jetzt ist er in unserem kleinen Lüneburg und gehört zum Ostpreußischen Lan-desmuseum, das Geschichte, Tradition und menschliche Schicksale der ehemaligen deutschen Provinz bewahrt.
Vielleicht wäre es ihm ganz recht? Ihm war sein Königberg genug, „ein schicklicher Platz zur Erweiterung sowohl der Menschenkenntnis als auch der Welterkenntnis“. Über Ostpreußen ist er sein ganzes Leben lang nicht hinausgekommen.
Die Festansprachen zur Eröffnung sind geradezu euphorisch. Immer wieder wird Kant zitiert: „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Und stets ist von der Pflicht jedes Menschen die Rede, vernünftig und moralisch zu handeln und sich dafür "zu kultivieren und zu zivilisieren“.
Nur andeutungsweise scheint die Sorge durch, dass diese Werte gerade in weiten Teilen der Welt mit Füssen getreten werden. „Yes We Kant!“ Wir haben es geschafft, war die Botschaft des Tages.
Niemand erwähnt Kaliningrad. Es sind auch keine Gäste von dort eingeladen. Anfang der 1990er Jahre wäre es durchaus denkbar gewesen, das Museum in Kants Heimatstadt anzusiedeln – als deutsch-russisch-europäisches Projekt.
Bei der Vernissage treffe ich einige Bekannte wieder, die damals im Kaliningrader Gebiet unterwegs waren. Wir hatten am Grab des Philosophen gestanden, staunend und gerührt, dass es die Sowjetzeit überlebte. Die Ruine des mächtigen Doms, an das es grenzte, wurde uns erzählt, habe es vor dem Abriss beschützt. Wir hatten beobachtet, wie Brautpaare nach der Trauung dort Blumen niederlegten und ein wenig verweilten.
Mir kommt die Begegnung mit Nadesha Bolesnawowna, der Wächterin der Dom-Ruine, wieder in den Sinn. Wir hatten uns im Frühsommer 1990 kennengelernt, als ich mit einem WDR-Fernsehteam einige Wochen in der Stadt verbrachte. Eine feine alte Dame, gebürtige Polin, die auch ein wenig Deutsch sprach. Sie hatte es als junges Mädchen gelernt, als sie als Zwangsarbeiterin in Berlin war. „Ich war keine Sklavin“, sagte sie. Einige ihrer Sätze habe ich noch im Ohr.
Voller Stolz führte Nadeshda Bolesnawona uns durch die Ruine. „Das macht mir Glück, was ich hier sehe.“ Sie sah sich als Hüterin eines euro-päischen Erbes. Von Immanuel Kant sprach sie wie von einem alten Freund. Wir teilten die Magie dieses historischen Moments, dass wir nach Jahrzehnten ost-westlicher Feindschaft zusammenkommen konnten.
Immanuel Kant war die Galionsfigur der örtlichen Perestroika. Unsere Doku über die Stadt am Pregel nannten wir „Kant, Königsberg, Kaliningrad.“ Drei Ks, die – für uns damals - zusammengehörten.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im August 1991 war ich noch oft im Kaliningrader Gebiet. Zuletzt im Jahr 2016, zusammen mit meinem Mann. Mit meiner langjährigen Dolmetscherin Olga erlebten wir die Parade zum 9. Mai, den Tag des Sieges über den Faschismus. Ein Volksfest bei sommerlicher Hitze. Wir wurden von der begeisterten Men-ge mitgerissen und waren zugleich erschrocken über die kriegerischen Töne. Stalinbilder zogen an uns vorbei, Banner mit Hammer und Sichel. Putin schien sein Volk auch im äußersten Westen voll im Griff zu haben. Zwei Jahre zuvor hatte Russland die Krim annektiert. Im ukrainischen Donbass war schon Krieg.
Wie ein Film laufen die Reisen nach Kaliningrad am Abend der Eröffnung des Kant-Museums in mir ab. Anderen scheint es ähnlich zu gehen. Wir Zeitzeugen von damals suchen einander. „Und? Haben Sie noch Kontakt?“ Unsere Beziehungen nach Kaliningrad sind abgebrochen, auch meine. Am meisten schmerzt mich der Bruch mit meiner lieben Dolmetscherin Olga.
Lüneburg also! Der Standort ergibt sich aus Geschichte der ostpreußischen Vertriebenen, am Ende des Zweiten Weltkriegs und danach. Auf allerhand verschlungenen Wegen, durch Zufall, Klugheit, Mut, Geduld und Spenden, sind Kulturgüter gerettet worden und im Landesmuseum zusammengekommen. Zuletzt aus dem inzwischen aufgelösten Museum der Stadt Königsberg in Duisburg. In dem neuen Museum sind Bildnisse von Kant, eine Haarsträhne und sein Spazierstock, ein Glas mit einer Gravur von ihm und seinen Freunden.
Der Philosoph wird als Mensch lebendig, doch im Mittelpunkt steht seine Philosophie. Auf drei Etagen wird sie verständlich und facettenreich präsentiert, mit Bezügen zur Gegenwart. Ein idealer Ort zum Nachdenken und für Gespräche über die alten, brandaktuellen Fragen:
„Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“