April 2022 - geflüchtete ukrainische Familien in Lüneburg

Anfang März 2022 standen sie da, mitten in der Nacht: ein kleines Mädchen, das weinte, und ihre völlig erschöpfte Mutter und Großmutter. Ein paar Stunden zuvor erreichte uns ein Hilferuf aus Warschau: „Habt Ihr Platz?“ Ein junger Musiker, ein Bekannter einer lieben Nachbarin, hatte die kleine Familie aus Charkiv an der ukrainisch-polnischen Grenze in sein Auto geladen und war bereits unterwegs nach Lüneburg. Das plötzliche Auftauchen von Ljuda, Tanya und der neunjährigen Polina, riss mich aus der Ohnmacht, die mich seit dem 24. Februar lähmte.

Wir hatten Platz! Als Mehrgenerationenwohnprojekt haben wir einen Gemeinschaftsraum mit Küche und Bad. Eine Rundmail reichte, für das Übliche - Diskussion, Fragen, Konsensfindung - war keine Zeit. Wer gerade Zuhause war, half, das Nötigste zusammenzutragen. Matratzen, Wäsche, Lebensmittel, Hygieneartikel, die Kinder brachten Buntstifte, Malpapier, Kuscheltiere und Dinos. „Willkommen!“ stand über der Tür. Und weil ich die Einzige in der Community bin, die ein wenig Russisch spricht, war ich für die Kommunikation zuständig.

In den ersten Tagen sprachen wir nicht viel. Was braucht ihr? Ruhe! Über „Viber“ hielten die Drei ständig Verbindung mit ihren Lieben in der Ukraine.

In den Lüneburger Netzwerken liefen Tag und Nacht Informationen und Anfragen hin und her. Wer hat ein Zimmer für zwei Personen? Wer spendet Geld, wer kann dolmetschen? Wer ist zuständig im Rathaus? Was macht unsere Regierung? Die Stadtverwaltung tat ihr Bestes und war hoffnungslos überfordert. Viele Bürgerinnen und Bürger handelten sofort, auf eigene Faust. Zum Glück haben wir in Lüneburg die „Stiftung Hof Schlüter“, die schon lange Kontakte zur ukrainischen Stadt Bila Zerkwa hält. Ihr Knowhow war jetzt überall gefragt.

Auch wir Helfenden hörten stündlich Nachrichten… die russische Armee steht 31 Kilometer vor Kiew, im Vorort Butscha. Unsere Drei aus Charkiv zogen bald weiter zu einer jungen Lehrerfamilie.

In unserem Gemeinschaftsraum wohnte nun eine Familie aus Nikopol, zwei Mädchen von 5 und 11 Jahren, ihre Mutter und Großmutter.
Nikopol? Eine kleine Stadt am Dnjpro lernten wir, gegenüber von Europas größtem Atomkraftwerk. Als es am 5. März von russischen Soldaten besetzt wurde, waren die Vier Hals über Kopf geflohen. Einfach westwärts, immer weiter, irgendwer hatte sie nach Lüneburg gelotst. Beinahe eine Woche lebten sie hinter geschlossenen Vorhängen. Zwei, drei Mal am Tag klopfte jemand an ihrer Tür und warf einen kurzen Blick in „ihr Reich“. Die kleine Margarita malte, ihre ältere Schwester Ija las, die beiden Frauen hingen am Smartphone. „Was braucht ihr?“ – „500 Gramm Quark, bitte, und etwas Wurst und Kartoffeln.“
Im Netzwerk „Zuflucht in Lüneburg“ kündigte unser Nachbar Francois, ein beliebter Stadtguide und Clown, eine Führung für ukrainische Familien an.
Es war ein eiskalter Märztag, etwa dreißig Frauen und Kinder waren gekommen. Was sie von der Lüneburger Altstadt wahrnahmen, ob sie die ins Russische übersetzten Informationen erreichten, weiß ich nicht. Wenn Francois zur Abwechslung einige Clownsnummern einschob, machten die Kinder mit. Ein paar Tage fingen im Rathausgarten die Magnolien an zu blühen. Mein Mann und ich erzählten unseren Nikopoler Gästen davon und erwähnten, dass die Eisdielen schon geöffnet hätten.
Der Frühlingsspaziergang schien ihnen gutzutun. Wir saßen lange draußen im Caféhaus, „Am Sande“, dem großen Platz mit den alten Kaufmannshäusern. Eis und Cappuccino, Straßenmusik, sechs Menschen unter vielen Hundert, die sich die Sonne auf den Pelz scheinen ließen. Ab und zu versuchten wir eine kleine Unterhaltung. Tanja, die älteste, von Beruf Besamungstechnikerin, wie wir inzwischen wussten, zeigte mit dem Finger auf die St. Johanniskirche. Und so brachen wir auf dorthin. Die Ukrainerinnen staunten, der gewaltige gotische Bau beeindruckte sie. „Und wohin gehen wir zu Ostern?“ fragte Tanja.
In Lüneburg gibt es keine orthodoxe Kirche! Daran hatten wir nicht gedacht. Unsere Köpfe waren beschäftigt mit Kriegsnachrichten¸ gerade waren die russischen Gräueltaten in Butscha und Irpin bekannt geworden. Und mit Orgakram, die amtliche Anmeldung der Geflüchteten sollte endlich stattfinden. Nach unserem gregorianischen liturgischen Kalender war es kurz vor Palmsonntag, Ostern im julianischen Kalender würde am 24. April sein, also eine Woche nach uns. Ein Anruf bei Silke Ideker, einer Pastorin der evangelischen St. Michaelis-Gemeinde, die wir flüchtig kannten, und los ging es. Ich brachte eine gewisse Landeskenntnis und meine katholische Sozialisation ein. Unsere erste Idee: eine Lichterprozession, die traditionellen langen Bienenwachskerzen sind leicht zu beschaffen. Zufällig gibt es in der Kantorei eine ukrainische Sängerin, sie bot an, mit dem Chor Lieder der Ostkirche einzuüben. Wir fanden Frauen aus Kiyv, die sich zutrauten, eine Fürbitte zu sprechen. Das „Kyrie Eleison“, „Herr erbarme dich“ verbindet beide Konfessionen.
Eine spontane Ökumene. Etwa zweihundert ukrainische Frauen und Kinder kamen. Vorn am Altar, neben der Pastorin, eine schon länger in Lüneburg lebende Ukrainerin, die dolmetschte. „Für die Menschen in der Ukraine ist das Leben ein sehr langer Karfreitag.“ Silke Ideker sprach von Leid und Auferstehung, hier und jetzt. Im Mittelpunkt stand Maria, die um ihren toten Sohn trauert. Am Ende rief sie zur Solidarität mit der Ukraine auf. Bei der Lichterprozession sahen wir die Gesichter der Erwachsenen und Kinder. Sie traten einzeln nach vorn, nahmen eine Kerze, entzündeten sie an der Osterkerze, gingen dann die Stufen hoch zum sandgefüllten Bassin. Viele weinten, Geflüchtete und auch wir Hiesigen.
Danach, beim Kaffeetrinken im Pfarrgarten, ergaben sich kleine Gespräche. Откуда вы? Where do you come from? – Charkiv. Odesa. Donezk. Kiyv. Einige ukrainische Frauen hatten Paska mitgebracht, schmale hohe Osterkuchen, die orthodoxen Kirchenkuppeln nachgebildet sind.
Immer wieder fiel mein Blick auf den mächtigen Michaeliskirchturm. Was für ein Glück, diese alte Kirche zu haben! Und was für ein Glück, diesen Raum mit Menschen zu teilen, deren Kirchen gerade zerstört werden!

 

Die Vergangenheit ist ein anderes Land.