Forschungsreise nach Masuren
20. Juli 202240 Grad Hitze, die Lüneburger Altstadt ist wie ausgestorben. Wider alle Vernunft treffen Agata Kern und ich uns in einem eleganten Lokal, um den Abschluss unseres Projekts zu feiern. Es musste unbedingt am 20. Juli sein, am Jahrestag des fehlgeschlagenen Attentats auf Hitler! Wir sind die einzigen Gäste, das Essen ist lausig, der Sekt lauwarm. Vergnügt prosten wir uns zu.
Die „Migrationsgeschichten um Schloss Steinort /Sztynort“ sind endlich im Osteuropa-Portal „Copernico“ erschienen!
Agata Kern, Kulturreferentin am Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg, hatte das Projekt im Frühling 2020 initiiert. Sie ist im masurischen Sztynort aufgewachsen und hatte schon lange davon geträumt, die Geschichte ihrer glücklichen Kindergartenzeit im kommunistischen Polen der 1970er Jahre zu erforschen. Ort ihres Glücks war das ehemalige Schloss der Grafen Lehndorff, das nach der Vertreibung der Deutschen 1945 Mittelpunkt der örtlichen Kollektivwirtschaft geworden war. Der „Palac“, wie die Dorfbewohner ihn nannten, beherbergte unter anderem den Kindergarten.
Agata hatte die Fotos von ihrer Kindergartengruppe sorgfältig gehütet und mich mit ihrer Begeisterung angesteckt. Gemeinsam befragten wir Kinder von damals und erkundeten das Schicksal ihrer Familien. Mithilfe älterer Zeitzeugen versuchten wir nachzuvollziehen, wie das deutsche Dorf Steinort nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs neu besiedelt wurde - von Polen und Ukrainern, die aus ihrer Heimat im Osten vertrieben oder deportiert worden waren. Agatas Familie zum Beispiel stammte aus Wilno (heute Vilnius, Litauen), teils aus Wolhynien (heute westliche Ukraine).
Parallel dazu nahmen wir die Geschichte der gräflichen Familie Lehndorff in den Blick: den letzten Schlossherrn Heinrich von Lehndorff, der am Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt war. Und seine Frau Gottliebe und ihre vier Töchter, die nach der Hinrichtung des Ehemanns und Vaters aus dem Herrenhaus vertrieben wurden und später im Westen Deutschlands schwere Zeiten durchlebten. Zwei Perspektiven also, eine dörfliche und eine adelige, vereint durch das Trauma von Gewalt und Vertreibung.
Im Laufe unserer Recherchen lernten wir Enthusiasten und Träumer kennen, die das verfallende Lehndorffsche Herrenhaus retten wollen. Und wir spürten verschollene, geraubte und wiedergefundene Dinge auf, die das tragische Schicksal der Menschen begleiteten.
Wegen der Pandemie konnten Agata Kern und ich kaum reisen, nur zwei Mal ein paar Sommertage in Sztynort verbringen. Ein Geschenk! Endlich wieder frei atmen! Nach der Arbeit sprangen wir in den nächsten See. Das Beste an unserem Projekt war: Wir hatten ungewöhnlich viel Zeit, um Themen auf den Grund zu gehen, zu lesen, in Archiven Fotos aufzustöbern und in Gedanken auszuschweifen, wohin uns die Neugier trieb.
Eines der schönsten Erlebnisse war die Begegnung mit der Schauspielerin Hanna Schygulla, die mir von ihrer Freundschaft mit Gottliebe Gräfin Lehndorff erzählte. Die beiden Frauen hatten - kurz nach der Studentenrevolte – Tür an Tür in der bayrischen Künstlerkolonie Peterskirchen gelebt.
Es war eine intensive, harmonische, beglückende Zusammenarbeit. 17 Geschichten sind entstanden, Bilder und Texte, die von den Langzeitfolgen des Zweiten Weltkriegs erzählen. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine lesen sich einige beängstigend aktuell.