Geflüchtete ukrainische Familien

Lüneburg im März 2022

Anfang März 2022 standen sie da, mitten in der Nacht: ein kleines Mädchen, das weinte, und ihre völlig erschöpfte Mutter und Großmutter. Ein paar Stunden zuvor war ein Anruf aus Warschau gekommen: Habt Ihr Platz? Ein junger Musiker, ein Bekannter von Bekannten einer lieben Nachbarin, hatte die kleine Familie aus Charkiv an der ukrainisch-polnischen Grenze in sein Auto geladen und war bereits unterwegs nach Lüneburg. Das plötzliche Auftauchen von Ljuda, Tanya und der neunjährigen Polina, riss mich aus der Ohnmacht, die mich seit dem 24. Februar lähmte.

Wir hatten Platz! Als Mehrgenerationenwohnprojekt haben wir einen Gemeinschaftsraum mit Küche und Bad. Eine Rundmail reichte, für das Übliche - Diskussion, Fragen, Konsensfindung - war keine Zeit. Wer gerade Zuhause war, half, das Nötigste zusammenzutragen. Matratzen, Wäsche, Lebensmittel, Hygieneartikel, die Kinder brachten Buntstifte, Malpapier, Kuscheltiere und Dinos. „Willkommen!“ stand über der Tür. Und weil ich die Einzige in der Community bin, die ein wenig Russisch spricht, war ich für die Kommunikation zuständig.

In den ersten Tagen sprachen wir nicht viel.
„Was braucht ihr?“
„Ruhe!“

Über Viber hielten die Drei ständig Verbindung mit ihren Lieben in der Ukraine. In den Lüneburger Netzwerken liefen Tag und Nacht Informationen und Anfragen hin und her. Wer hat ein Zimmer für zwei Personen? Wer spendet Geld, wer kann dolmetschen? Wer ist zuständig im Rathaus? Was macht unsere Regierung? Die Stadtverwaltung tat ihr Bestes und war zugleich völlig überfordert. Viele Bürgerinnen und Bürger handelten sofort, auf eigene Faust.

Zum Glück haben wir in Lüneburg die „Stiftung Hof Schlüter“, die schon lange Kontakte zu Bila Zerkwa hält, ihr Knowhow war jetzt überall gefragt.
Auch wir Helfenden hörten stündlich Nachrichten… die russische Armee steht 31 Kilometer vor Kiew, im Vorort Butscha. Unsere Drei aus Charkiv zogen bald weiter zu einer jungen Lehrerfamilie.

In unserem Gemeinschaftsraum wohnte nun eine Familie aus Nikopol, zwei Mädchen von 5 und 11 Jahren, ihre Mutter und Großmutter. Nikopol? Eine kleine Stadt am Dnjpro lernten wir, gegenüber von Europas größtem Atomkraftwerk. Als es am 5. März von russischen Soldaten besetzt wurde, waren die Vier Hals über Kopf geflohen. Einfach westwärts, immer weiter, irgendwer hatte sie nach Lüneburg gelotst. Beinahe eine Woche lebten sie hinter geschlossenen Vorhängen. Zwei, drei Mal am Tag klopfte jemand an ihrer Tür und warf einen kurzen Blick in „ihr Reich“. Die kleine Margarita malte, ihre ältere Schwester Ija las, die beiden Frauen hingen am Smartphone. „Was braucht ihr?“ – „500 Gramm Quark, bitte, und etwas Wurst und Kartoffeln.“
Im Netzwerk „Zuflucht in Lüneburg“ kündigte unser Nachbar
François, ein beliebter Stadtguide und Clown, eine Führung für ukrainische Familien an. Es war ein eiskalter Märztag, etwa dreißig Frauen und Kinder waren gekommen. Was sie von der Lüneburger Altstadt wahrnahmen, ob sie die ins Russische übersetzten Informationen erreichten, weiß ich nicht. Wenn François zur Abwechslung einige Clownsnummern einschob, machten die Kinder mit.
Ein paar Tage später fingen im Rathausgarten die Magnolien an zu blühen. Mein Mann und ich erzählten unseren Nikopoler Gästen davon und erwähnten, dass die Eisdielen schon geöffnet hätten.
Der Frühlingsspaziergang schien ihnen gutzutun. Wir saßen lange draußen im Caféhaus, „Am Sande“, dem großen Platz mit den alten Kaufmannshäusern. Eis und Cappuccino, Straßenmusik, sechs Menschen unter vielen Hundert, die sich die Sonne auf den Pelz scheinen ließen.
Ab und zu versuchten wir eine kleine Unterhaltung. Tanja, die älteste, von Beruf Besamungstechnikerin, wie wir inzwischen wussten, zeigte mit dem Finger auf die St. Johanniskirche. Und so brachen wir auf dorthin. Die Ukrainerinnen staunten, der gewaltige gotische Bau beeindruckte sie. „Und wohin gehen wir zu Ostern?“ fragte Tanja.

Die Vergangenheit ist ein anderes Land.