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Leben in einem Mehrgenerationenprojekt. Sommer 2023

Manchmal ist es mir zu eng hier. Seit acht Jahren lebe ich mit meinem Mann „auf dem Dorf“, in einem Mehrgenerationen-Wohnprojekt mit 54 Erwachsenen und 25 Kindern. Ein Dorf, das wir alle gemeinsam geschaffen haben. https://lena-lueneburg.de/

In diesem Sommer aber genieße ich die Geborgenheit, die verlässliche, lebendige Nachbarschaft in unserer kleinen Community sehr. Meine Abenteuerlust tendiert gen Null. Selbst zum Schwimmen in einem der wunderbaren Seen bin ich zu träge.

Am 6. Juni 2023 wurde der Kachowka Staudamm zerstört, der Dnipro unterhalb ist binnen kurzer Zeit leergelaufen. Die Katastrophe mit weitreichenden Folgen für Menschen und Tiere beschäftigte uns alle ganz persönlich. Denn am Ufer des Flusses lebt eine Familie, die wir kennen. Im März 2022 haben wir sie einige Wochen in unserem Gemeinschaftsraum beherbergt, eine spontane Entscheidung, die alle Nachbarn mittrugen.

Die Familie - Mutter Tanja, ihre Tochter Olga und deren Mädchen, die zwölfjährige Ija und die sechsjährige Margarita - war Hals über Kopf aus Nikopol aufgebrochen, als die russische Armee das nahe Atomkraftwerk Saporischschja besetzte. Wir fühlten mit ihnen, begleiteten sie bei ihren ersten Schritten in Lüneburg. Als sie im Sommer in die Ukraine zurückkehrten, blieb ich per Whatsapp mit ihnen in Verbindung. Seit Olgas Stadtwohnung zerstört wurde, wohnen sie mit den Mädchen bei der Mutter, in Tanjas Dorfhaus am Dnipro.

Sorja heißt das Dorf am Fluss. Hin und wieder schickt Olga Fotos und kleine Nachrichten aus ihrem Alltag. Von Luftalarm und Stromausfall, den guten Noten der Kinder, die online lernen. Vom Osterfest ohne Kirche, dem Kauf einer Ziege. Manchmal äußert sie einen Wunsch: „Kannst Du noch eine Powerbank schicken? Und Multivitamine?“

Im großen Ganzen lebt die Familie von dem, was der Garten hergibt. Olha hat Hühner, Enten und Truthähne angeschafft, das bringt Geld ein. Immerhin liefert die Caritas regelmäßig und kostenlos das lebensnotwendige Insulin für Tanja.
Drei Frauengenerationen in einem Haus, Ehemänner und Brüder sind an der Front und so gut wie nie da.

„Wir haben kein Wasser aus dem Fluss für den Garten und die Tiere. Trinkwasser kommt mit dem Tankwagen.“ Schreibt Olga heute. „PS: „Wir vermissen euch. Grüß deine Nachbarn.“
Manchmal erzähle ich in unserer Community von den Neuigkeiten aus Sorja. Das tut mir gut. Im Laufe des Zusammenlebens sammeln sich immer mehr Geschichten an, die wir teilen. Besonders intensiv während der Pandemie, als wir alle nicht rausdurften und aufeinander angewiesen waren. Es ging uns besser als den meisten, vor allem den Kindern, die sich auf dem großen Grundstück austoben konnten.
Gerade fehlt mir nichts. Es ist Ferienzeit, ringsum alles fast unwirklich still. Die meisten Familien sind irgendwo an der Ostsee oder in den Bergen. Ab und zu stromert ein Kind durch den Garten und schaut sich suchend um. Wo sind die anderen nur? Zwei Stunden später hockt dasselbe Kind auf der Bank am Sandkasten und guckt Löcher in die Luft. Wir Alten gießen die Blumen und versorgen Nachbars Katzen.

Vor Beginn der Dunkelheit fangen wir die ausgebüxten Hühner wieder ein.

Die Vergangenheit ist ein anderes Land.