Glückliches Südtirol
Meran im April 2026„Die beste!“ Erklärt der Lehrling im Café Lichtenthurn. Dünngeschnitten, anmutig gewellt, mit großen Specknocken liegt die Mortadella auf unseren Frühstückstellern. „Von Siebenförcher, der besten Metzgerei in ganz Südtirol!“ Er spricht das singende Deutsch der Region. Und dann schwärmt er von anderen Schweinswürsten. „Salsiccia aus Apulien, kennen Sie die? Mit Fenchel und Anis? Molto delizioso!“ Sein Vater sei aus Apulien, vor Jahrzehnten aus dem armen Süden Italiens übergesiedelt in das nördliche deutsche Italien.
Wieder in Meran. Unten im Tal Frühling, im Gebirge oben Schnee. Spazieren am Ufer der Passer, von der Kurpromenade den schmalen Tappeiner Weg hinauf. Auf Schritt und Tritt zwei Sprachen im Ohr. „Grias di!“ – „Buongiorno!“ Kinder, die quengeln „Mi fanno male i piedi,“ oder „Wia weit isch es no?“. Wegweiser und Speisekarten auf Deutsch und Italienisch.
Entspannte Zweisprachigkeit überall – sie gehört für meinen Mann und mich zum Urlaubsgefühl. Nur ein paar Außenseiter schüren noch die alten Feindschaften, sagen unsere Südtiroler Freunde. Sie leben am Rande von Bozen, in einem Dorf, das immer noch von Wein- und Obstanbau lebt. Er ist ein Hiesiger, ein Lehrer bäuerlicher Herkunft, und erinnert sich noch an die Gewalt der 1960er Jahre, die Anschläge und Attentate der Südtiroler Separatisten. Für ihn und seine Generation, hören wir mit Staunen, ist es kein Problem mehr, Italiener zu sein und zugleich deutscher Südtiroler. Sie ist Österreicherin aus dem Waldviertel, gut eingewurzelt, und hört am liebsten Ö1, das Radioprogramm der alten Heimat. Ihre Hochzeitsreise machten die beiden nach Assisi, damals war das Autonomiestatut (1972) schon in Kraft, das den Sonderstatus Südtirols und die Gleichberechtigung beider Gruppen garantierte. Zwei ihrer erwachsenen Kinder leben in Wien, zwei in Bozen. In Welt des Paares spielt die Staatsangehörigkeit eine untergeordnete Rolle.
Einen Rückfall in die Vergangenheit halten die Zwei für unwahrscheinlich, „der Wohlstand Südtirols hält alle und alles zusammen“. Bombenanschläge sind Gift für den Tourismus. „Und wenn der Wohlstand eines Tages zusammenbräche?“ – „Dann würden sich eher die Spannungen mit den Fremden verschärfen, Albanern, Serben, Pakistanern, die hier arbeiten.“
In den Meraner Bars - bei „Claudio“, im „Puccini“, im Café Pöhl - liegen die beiden Tageblätter aus. „Dolomiten“ und „Alto Adige“, wir greifen meist zum deutschen. Hin und wieder lesen wir von kleinen deutsch-italienischen Scharmützeln um Straßennamen und Ehrenbürgerschaften. In diesen Tagen berichtet das Südtiroler Magazin „ff“ über noch schwelende Konflikte: In einigen Dörfern ist Mussolini immer noch Ehrenbürger, so wenigstens steht es in den Akten von 1924, lang her, da kräht kein Hahn mehr danach. Eine Straße in Meran trägt weiterhin den Namen von Otto Huber. Huber? Kaum jemand weiß noch, dass er ein Kampfflieger der Faschisten war. Prominentestes Beispiel ist der „Siegesplatz“ in Bozen, der an den Sieg Italiens über Österreich-Ungarn (1918) erinnert. Seine Umbenennung in „Friedensplatz“ ist 2001 gescheitert, in einer Volksabstimmung – nach hitziger Diskussion – entschied die Mehrheit der Bürger dagegen. Heute neigt man eher zur Vorsicht, so der Historiker Di Michele. Sobald man „anfängt, etwas zu ändern, öffnet man die Büchse der Pandora.“
Unser täglicher Weg entlang der Passer führt am Denkmal der Kaiserin Elisabeth von Österreich vorbei. Für ein paar Minuten halten wir an und beobachten die Touristen, die vor der Statue posieren und die Fotos sogleich in alle Welt schicken. Wir waren bei „Sissi“, so nennen sie die meisten. Vielleicht kennen viele den offiziellen Namen der Herrscherin gar nicht mehr? Gegen Abend treffen sich zu ihren Füßen Grüppchen junger Pakistani und spielen auf der Wiese Karten.
Die Habsburger Zeit – unendlich weit weg. Die blutigen Kämpfe im untergehenden Vielvölkerimperium, die persönlichen Tragödien. Das Jahr 1898, als ein italienischer Anarchist Elisabeth eine Feile ins Herz stach. Auch ihr Denkmal wurde immer wieder attackiert. Nach der Abtrennung Südtirols von Österreich und der formellen Angliederung an Italien, schlugen italienische Nationalisten Elisabeth die Nase, später den Kopf ab. Die Faschisten verbannten die Marmorstatue schließlich aus dem Park. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam sie ihren Platz wieder und einen neuen Kopf. Die Angriffe wiederholten sich und hörten erst auf, als sich die Beziehungen zwischen Italienern und Deutschen entspannten. Wer genau hinschaut, sieht noch die Bruchstellen am Hals der Statue.
Auch Sissis Nase zeigt Spuren einer Verwundung. Ein Angriff aus Mutwillen, heißt es, wahrscheinlich im Suff, vor einigen Jahren erst und ohne politischen Hintergrund. Womöglich spielte Frauenhass eine Rolle? Die Reparatur jedenfalls hat der Männergesangsverein bezahlt.
Im Palais Mamming, dem Meraner Stadtmuseum, wird einer der abgeschlagenen Kaiserinnen-Köpfe gezeigt. Er hat uns gerührt. Im „Touriseum“ fanden wir einen weiteren mit einem Foto der kopflosen Statue.
Bedeutsam scheint heute vor allem, dass die Kaiserin einige Male zur Kur in Meran war. Unter ihrem Kosenamen „Sissi“ ist sie eine touristische Marke: Wandern, wo Sissi flanierte, Essen, wo Sissi wohnte, Baden, wo Sissi badete.
Schon lange ist ihre Geschichte fest in den Händen der Traumfabriken. Seit den Sissi-Filmen der 1950er Jahre ist Sissi für uns Romy Schneider. Das jüngste Biopic von Netflix zeigt die Kaiserin in märchenhafter Pracht und zugleich als moderne junge Frau, die liebt, aufbegehrt und trauert wie wir. Als wir vor einiger Zeit Elisabeth von Habsburg in der Wiener Kapuzinergruft besuchten, lagen vor dem Sarkophag Dutzende von Briefen. Ihre tägliche Fanpost: „Liebe Sissi, ich bewundere dich schon lange.“ – „Liebe Sissi, ich möchte Dir etwas erzählen.“ Wir standen lange da und lasen.
Ihr Denkmal in Meran ist heute Symbol der politischen Entspannung zwischen Deutschen und Italienern. Glückliches Südtirol! Von solchen Zuständen können viele Regionen Europas nur träumen.
Wie lange wird es dauern, bis Katharina II. ihren Platz als Stadtgründerin von Odessa wieder einnehmen darf? Ende 2022 hat man die Statue im Zentrum vom Sockel geholt. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine gilt sie als Repräsentantin der „Russkij mir“, des Moskauer Imperialismus. Russisch, die früher am meisten gesprochene Sprache in Odessa, ist zur Sprache des Feindes geworden.