Juni 2022 - Reise an die Memel
Im Juni 2022 fuhr ich los, gemeinsam mit meinem Mann Winfried Lachauer. Wir erlebten ein Land im Ausnahmezustand, kämpferisch und solidarisch mit der Ukraine.
Der Krieg war Tagesthema, allgegenwärtig. Er rief Erinnerungen an die Jahre der sowjetischen Besatzung (1945-1991) wach. Bei meinen Lesungen löste besonders das Kapitel über die Deportation der Familie Grigoleit nach Sibirien starke Emotionen aus.
Die Veranstaltung in der Adomas-Mickevičius-Bibliothek in Vilnius war gut besucht, die deutsche Botschaft hatte sie mit ausgerichtet. Deutschland stehe zur Ukraine, betonte Botschafter Matthias Sonn und trage Mitverantwortung für die Sicherheit der Balten.
Besonders in Lenas Heimatdorf Bitenai, wo Russland – die Oblast Kaliningrad – in Sichtweite ist, waren die alten Ängste zu spüren. Im Park des Jankus-Museums hatten sich etwa hundert Grenzlandbewohner versammelt, unter ihnen Nachfahren preußischer Litauer.
Der szenischen Lesung folgte eine bewegende Diskussion.
Werden wir unsere Freiheit verteidigen können? Lena Grigoleit macht uns Mut, sagten viele. Gemeinsam besuchten wir den Gedenkraum, den das Museum für die verehrte Bittehnerin eingerichtet hat. Viele Fotos von ihr und ihrer Familie aus sowjetischer Zeit hatte ich noch nie gesehen. Auf Knopfdruck konnten wir Lenas Stimme hören, auf Litauisch und auf Deutsch. Einige meiner Interviews von damals sind hier archiviert, das Haus der Geschichte in Bonn hat sie digitalisiert und nach Bitenai geschickt.
Wir verbrachten noch einige Tage in der „Paradiesstraße“, bei Mindaugas und seiner Frau Enida, saßen mit Irena, Lenas jüngerer Tochter, in der Küche und sprachen über Gott und die Welt. Ihre Schwester Birute lag im Zimmer nebenan, sie war schon sehr schwach, erkannte uns aber noch. Ich musste an ihre Schilderungen aus Sibirien denken. Sie war damals ein junges Mädchen, die Jahre der Verbannung haben ihr Leben überschattet. Epileptische Anfälle, ausgelöst durch einen Sturz vom Schlitten, begleiteten sie lange, ihre Ängste hörten nie auf. Wir würden Birute nicht wiedersehen.
Zweihundert Milchkühe hat der Hof inzwischen, modernste holländische Melkmaschinen, jedes Jahr bekommt er hohe Auszeichnungen und Preise. Bei unseren Rundgängen kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der achtzehnjährige Sohn Kostas ist schon mit im Betrieb, und ich erinnerte mich, dass er sich schon mit drei Jahren verkündet hat, er wolle Bauer werden.
Vor dem Rückflug von Vilnius gab uns der befreundete Historiker Alvydas Nikžentaitis einen Satz mit auf dem Weg: „Ihr Deutschen habt den Holocaust gründlich aufgearbeitet, aber keine Ahnung vom Stalinismus. Und ihr wisst nicht, wie man mit Gewalt umgeht.“
Werden wir im Westen jetzt, wo der Krieg Europa herausfordert, auf die Stimme der Balten hören? Ostwärts blicken, ostwärts reisen – wie in den Jahren der hoffnungsvollen Zeitenwende nach 1989 - ist heute wichtiger denn je.