Okean Elzy in Hamburg
Februar 2025Meine Freundin Rita, die in der kasachischen Steppe geboren und ein Kind der Sowjetunion ist, hatte mir schon vor längerer Zeit begeistert von „Okean Elzy“ erzählt.
Gerade ist die ukrainische Kultband wieder auf Europa-Tour. Und endlich in Hamburg!
Aufgeregt wie ein Teenie warte ich vor dem Eingang der Inselpark Arena. Zusammen mit meiner deutschen Freundin Veronika, mit Sofiia und Vira aus Charkiv und der sechszehnjährigen Karina. Die Menschenschlange kommt nur langsam voran. Die meisten Fans sind jung. Ukrainische Farben überall, blaugelbe Fähnchen und Schals, Blaugelb auf den Wangen.
Bis vor Kurzem kannte ich die Rockband mit dem geheimnisvollen Namen „Elsas Ozean“ nicht. Überhaupt wusste ich von der Musikkultur der Ukraine so gut wie nichts. Ich erinnere mich nur an Ruslana, die Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2004 in Istanbul. „Wild Dances“ hieß ihr Lied, und so war es auch, wild und voller Lebenslust. Motive aus der Folklore der Karpaten kamen darin vor, Holztrompeten, „Trempitas“, den Namen konnte ich mir merken.
Ruslanas Sieg holte den nächsten Contest nach Kiyv. In jenem Mai 2005 zeigte sich die ukrainische Hauptstadt von ihrer besten Seite, mit ihren goldenen Kuppeln, der Pracht vergangener Jahrhunderte, und zugleich hochmodern. Viele in Europa sahen sie im TV zum ersten Mal. Präsident Juschtschenko überreichte persönlich die Siegertrophäe.
Die orangene Revolution hatte gerade den Weg für eine demokratische Ukraine frei gemacht.
Wie Ruslana war „Okean Elzy“ Teil der Demokratiebewegung. 2005 tourte die Band durch dreißig Städte der Ukraine. Auch in Russland trat sie damals noch auf und wurde geliebt. In den kommenden Jahren eroberte sie die Hauptstädte Europas, füllte Arenen in Chikago, New York und Toronto. Indie-Rock, kommerziell hocherfolgreich.
Während des „Euromaidan“ 2013/14 waren die Band und die Sängerin Ruslana (beide übrigens aus Lviv) Protagonisten der Revolution.
Heute spielt „Okean Elzy“ für das Überleben der Ukraine, sammelt Spenden für die Front, für Rettungswagen, Waffen und die Rehabilitation von Soldaten und Zivilisten. Swjatoslaw Wakartschuk, „Slava“, wie ihn alle nennen, ist seit 2022 Frontsänger im wörtlichen Sinne. Wie viele Künstler seines Landes ist er Teil der „Cultural Forces of Ukraine“.
Im Publikum fliegen Arme und Smartphones in die Höhe. Die Band ist in rotes Licht getaucht, mal in grünes, dann wieder in blaues. Scheinwerfer wandern vom Keyborder zum Bassisten, von den Gitarristen zu Slava, ruhen auf ihm. Ein schmaler Mann um die Fünfzig, in schwarzen weiten Hosen und blaugrauem T-shirt. Er bewegt sich dynamisch am vorderen Rand der Bühne, breitet die Arme aus, dreht sich, hüpft wie ein Ball in Höhe. Seine Stimme ist rau und warm, er innert mich an italienische Chansoniers. „Ta nadischla nova Wesna“, singt er, „und ein neuer Frühling kam“. Manche ukrainischen Worte verstehe ich und gebe sie an Veronika weiter. Zwischen mir und der Bühne ein Meer von tanzenden Armen. Alle singen, streamen das Konzert für ihre Freunde und Familien. Auch Sofiia, Vera und Karina, sie scheinen sämtliche Texte zu kennen. Vielleicht hört Veras Mutter in Charkiv mit? Hin und wieder schreien mir die Drei ein paar Zeilen ins Ohr oder nennen mir den Titel des Songs, damit ich die deutsche Übersetzung auf dem Handy aufrufen kann.
„Und ich bin im Himmel!
Mein Liebling, im Himmel!
Mein Stern, im Himmel,
Seitdem ich Dich fand!“
Lieder von Liebe und Trennung, über die Zeit und die Sehnsucht nach Nähe, die Hoffnung auf ein besseres Morgen. Zarte, innige Lyrik, und immer wieder das Thema „Freiheit“. „Misto Marii“, eines der jüngeren Lieder, handelt vom zerstörten Mariupol. "Wstawaj“, „Steh auf“ wurde schon in der Orangenen Revolution gesungen.
Slava, Musikerpoet und eigentlich von Beruf Physiker, sagt von sich, er habe nie ein politischer Künstler sein wollen. Durch die Zeitumstände seien seine Liebeslieder zu patriotischen Liedern geworden. „Bez boyu“, in dem ein Junge um die Liebe eines Mädchens kämpft, wurde 2022 zum Schlachtruf: „Ich werde nicht aufgeben, ohne zu kämpfen“.
Für einen Moment verschwindet der Frontsänger hinter den Kulissen und kommt in einem weißen T-Shirt zurück, wirft einen Blütenkranz ins Publikum. Alles tanzt. Die Inselpark Arena bebt. Und dann stimmt Slava den Song an, auf den alle warten: „Obijmy, „Umarme mich“.
Den Refrain kann auch ich mitsingen. „Obijmy“, ein einziges Wort in unendlichen Wiederholungen. „Obijmy Obijmy, Obijmy ¸ Obijmy“. „Halte mich, umarme mich.“
Ich schaue auf Vira, Sofiia und Karina. So bewegt, so gelöst, so voller Lebenslust habe ich sie noch nie gesehen.