Tschernobyl und kein Ende
1. Mai 2026Der 1. Mai ist frühsommerlich warm, der Himmel strahlend blau. Wie vor vierzig Jahren. Damals waren wir mit dem Rad unterwegs, von Mannheim nach Maulbronn. Der Wetterbericht hatte leichten Wind aus östlicher Richtung angekündigt und vor einer radioaktiven Wolke gewarnt. Man möge sich „vorsichtshalber“ nicht ins Gras setzen. Wo immer dieses Tschernobyl sein mochte, es war weit weg.
Erst nach und nach kam die Wahrheit über das Unglück am 26. April 1986 ans Licht: ein Super-GAU. Ein fürchterliches Wort, das bis zu diesem Moment nur in Büchern vorkam. Selbst westliche Kernphysiker wollten nicht zunächst nicht glauben, dass der größte anzunehmende Unfall tatsächlich passiert war. Niemand war darauf vorbereitet, der Fall der Fälle undenkbar. An jenem 1. Mai sahen wir im Fernsehen erste Infrarotbilder eines französischen Satelliten: eine Rauchfahne über dem Reaktor.
Alarmzustand, auch in der Bundesrepublik. Was dürfen wir essen? Wie schützen wir uns? Jeder Gang in die Natur eine Gefahr. Mit den Jahren verschwand das Bewusstsein der Bedrohung aus dem Alltag. Bei mir blieb ein Reflex: Wenn ich Pilze sehe, durchzuckt es mich. Angeblich ist die radioaktive Belastung in manchen Gegenden immer noch stark. Beim Pilzesuchen gibt es seitdem eine neue Dimension von „essbar oder nicht essbar“: besser meiden wegen Cäsium-137. Auf der Kurischen Nehrung sammle ich nicht, in Südbayern auch nicht. Meistens fotografiere ich die Pilze nur, ihre Schönheit ist mir geblieben.
Wirklich nahe kam mir die atomare Gefahr erst durch Interviews mit Spätaussiedlern, die von Stalin in die kasachische Steppe deportiert wurden und jahrzehntelang in der Nähe des Atomwaffentestgeländes Semipalatinsk gelebt haben. Sie erzählten von den „Atom-Pilzen“, die sie sahen. Von Dörfern, die vorübergehend evakuiert wurden, verseuchter Erde und vergifteten Gewässern, von Krebserkrankungen in der Familie und missgebildeten Kindern. Und von deutschen Ärzten, die den Kopf schütteln. Radioaktive Strahlung? Wo soll das gewesen sein? Etwa 40 000 Menschen aus der Region Semipalatinsk leben in der Bundesrepublik. (siehe Sendung Steppenbeben)
Inzwischen gibt es weitere Augenzeugen und Leidtragende, die wir fragen können. In diesen Tagen spreche ich oft mit befreundeten Ukrainerinnen über Tschernobyl. Vor allem die Kiyver waren nahe am Geschehen. Am 30. April hatte der Wind die Wolke in die 130 Kilometer entfernte Hauptstadt getragen. Die Strahlenwerte dort waren um das Hundertfache erhöht.
„Wir hatten keine Ahnung“, sagt K. Die damals 18jährige ging mit ihren Freundinnen zur großen Mai-Parade. „Alles war wie immer. Das Fernsehen sendete wie immer Bilder von der Massenkundgebung. Später haben wir verstanden, dass Gorbatschow Panik vermeiden wollte. Nicht nur bei uns, auch im Ausland.“
Da war der Reformer Michail Gorbatschow schon mehr als ein Jahr im Amt. Für E., die damals in Mariupol lebte und gerade die Schule abgeschlossen hatte, bedeutete die Havarie des Reaktors das Ende eines Traums. Gerade hatte sie sich zur Aufnahmeprüfung an der Universität Kiyv angemeldet, doch ein Verwandter in der Hauptstadt, ein Wissenschaftler mit Beziehungen zur Regierung, warnte sie vor der Gefahr. Er und seine Familie hatten sich in Sicherheit gebracht, in Moskau zunächst, später zogen sie in eine andere, weniger kontaminierte Region der Ukraine.
Für die Ukrainer:innen ist Tschernobyl Teil ihrer Geschichte. Auch die jüngeren kennen sie aus Familienerzählungen. Wo waren die Eltern und Großeltern an diesem Tag? Geschichten von Krebserkrankungen im näheren oder weiteren Umfeld, Neugeborenen mit Fehlbildungen, von jungen Männern, „Liquidatoren“, wie man sie nannte, die schon während der Aufräumarbeiten starben. Ein kollektives Trauma – und der Anfang vom Ende der Sowjetunion.
Bei den großen Demonstrationen für die Unabhängigkeit 1989 in Kiyv spielte es eine wichtige Rolle: Unser größtes Unglück ist nicht Tschernobyl, sondern dass wir keinen eigenen Staat haben.
Heute ist das Geschehen vom 26. April 1986 und alles, was danach geschah, minutiös erforscht. Technische Details, menschliches Versagen, das verbrecherische System der späten Sowjetunion, die Auswirklungen auf Menschen, Flora und Fauna, Dörfer, Flüsse, ganze Landstriche. Das Ausmaß des Leids ist unermesslich, und es ist längst nicht zu Ende. Niemand hat dies eindrucksvoller dokumentiert als die belarusische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch. Bereits im Frühjahr 1986 war sie vor Ort, hat in den Jahren danach 500 Interviews mit Betroffenen gemacht. „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ (russisch und deutsch 1997).
Tschernobyl ist hin und wieder Thema im deutsch-ukrainischen Erzählcafé im Museum Lüneburg. Zuletzt sprachen wir darüber im Februar 2025, als die Sprengladung einer Shahed-Drohne ein Loch in die Schutzhülle des Reaktors gerissen hat und eine neue Gefahrensituation entstand.